Keramik des Hochmittelalters: Pingsdorfer Ware

Autopsie meiner Fundstücke

Die Pingsdorfer Ware ist sehr häufig im Fundspektrum meiner Wüstungen vertreten. Dieser Umstand und wohl auch der schlechte Forschungsstand in Südhessen veranlasste Rainer Schreg (RGZM) vor 2 Jahren dazu, mir einen direkten Vergleich meiner Funde mit Originalen aus Haithabu anzubieten. Diese Autopsie fand im Mai 2013 am RGZM in Mainz statt. Rainer und seine Kollegin Heidi Panthermehl konnten mein mitgebrachtes Fundmaterial im direkten Vergleich mit Pingsdorfer Ware des Fundorts Haithabu betrachten. Das Ergebnis: Beim Großteil der Scherben handelt es sich wohl tatsächlich um Ware, die im rheinischen Vorgebirge produziert wurde. Mein Fundmaterial stammt übrigens von Wüstungen, die im Einzugsgebiet der ehemaligen Pfalz Trebur liegen. Vielleicht gehörte die Keramik sozial besser gestellten Menschen, die sich solche Importwaren leisten konnten.

Beschreibung der Warenart

Bei der Pingsdorfer Ware handelt es sich um eine rot bemalte, helle Irdenware. Produziert wurde die Pingsdorfer Ware zwischen dem späten 9. und dem 13. Jahrhundert an verschiedenen Töpferzentren im rheinischen Vorgebirge, u.a. auch am namensgebenden Standort Brühl-Pingsdorf. Da es sich bei den Produkten überwiegend um ein Schank- und Tischgeschirr handelte, dominierten formentechnisch Amphoren, Krüge, Becher und Töpfe. Es gibt wie bei jeder anderen Warenart auch immer lokale Nachahmungen, die aber oft durch spezifische Merkmale (wie etwa Glimmerzusätze) gut von der rheinischen Vorgebirgsware zu unterscheiden sind.

Die grafische Gestaltung

An der Pingsdorfer Ware fasziniert mich vor allem die ungewöhnliche Art der grafischen Gestaltung: Vor dem Brennvorgang wurde roter (eisenhaltiger) Tonschlicker mit den Fingern oder einem Pinsel auf die hellen Gefäße aufgetragen. Die unregelmäßig wirkende Bemalung mit Tupfen, Klecksen, Kringeln, Strichen oder Gittermustern fand sich meistens unterhalb der Randzone der Gefäße, aber auch am Fuß der Gefäße. In einigen Fällen reicht die Bemalung sogar über den Gefäßrand hinaus; d.h. die Innenseite ist ebenfalls bemalt.

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Pingsdorfer Ware: Verziert mit Strichen, Kringeln, Tupfen und Gittermuster (Foto: Biggi Schroeder)

Scheinbar war diese  unregelmäßig anmutende Art der Verzierung ein „neuer Trend“ in grafischer Hinsicht. Mir fällt dazu auch das Wort „mutig“ ein: Denn diese Art der Verzierung steht m.E. in deutlichem Kontrast zu den bislang aus dem Mittelalter bekannten, eher gleichmäßig und grafisch exakt anmutenden, Verzierungstechniken. Wollte man ein Zeichen setzen? Das wird sich wohl nicht mehr klären lassen…

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Eigene Nachbildung eines Pingsdorfer Bechers mit Linsenboden der Phase 3 nach Sanke – datiert ca. 900 n. Chr. (Foto: Biggi Schroeder)

Warentechnische Merkmale

Farbtechnisch und auch vom Härtegrad sind die Pingsdorfer Scherben sehr unterschiedlich. Neben weißlichen-gelben Tönen treten orangefarbene sowie auch graue bis oliv-graue Töne auf. Die grauen Töne können durch durch eine Überfeuerung beim Brennvorgang entstanden sein. Das Farbspektrum bei der Bemalung variert ebenfalls von einem hellen rot bis hin zu dunkelviolett. Vom Härtegrad her variiert die Spanne von hart gebrannt bis hin zu steinzeugartig hart gebrannt. Eines haben die Scherben jedoch gemeinsam: Eine sandpapierartig rauhe Oberfläche, die durch die Magerung des Tons mit relativ feinem Sand entstand.

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Diese Tülle gehört zu der grauen, überfeuerten Variante der Pingsdorfer Ware (Foto: Biggi Schroeder
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Gelb-orange farbene Tülle einer Pingsdorfer Amphore (Foto: Biggi Schroeder)

Formenspektrum

Bei Wikipedia gibt es eine frei zugängliche Übersicht über das Formenspektrum der Pingsdorfer Keramik nach Koenen BJB 1898.

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Verbreitung

Die Verbreitung der Pingsdorfer Ware erfolgte meist rheinabwärts und entlang seiner Nebenflüsse. Sie wurde auch bis in das Nordseeküstengebiet befördert, sogar in England und Skandinavien ist sie zu finden. In Südwestdeutschland konnte Uwe Gross das Vorkommen dieser Ware linksrheinisch zwischen „Mainz im Norden und der französischen Grenze im Süden“ und bis in das südliche Hessen und im Badischen Neckarmündungsgebiet nachweisen. 1

Publikationstipp zum Download

Die Publikation von Andreas Heege „Die Keramik des frühen und hohen Mittelalters aus dem Rheinland: Stand der Forschung – Typologie, Chronologie, Warenarten“ kann als PDF kostenfrei über die Webseite der Universitätsbibliothek Heidelberg heruntergelanden werden.

Mein Dankeschön für diesen Tipp geht an Prof. Dr. Siegmund Frank.

Quellennachweis
1.   Annarita Martini, Die mittelalterliche Keramik aus Ingelheim am Rhein,  2006; S. 119

 

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