Spinnwirtel im archäologischen Fundmaterial von Siedlungen – Ein Hinweis auf lokale Textilproduktion?

Textilien kaufen wir in der heutigen Zeit entweder in Chain-Stores  oder ganz bequem im Internet. Diese werden aber hauptsächlich in großer Entfernung hergestellt, so dass wir die Produktionsbedingungen gar nicht mehr wahrnehmen.

Wenn wir in die archäologische Forschung schauen, dann zeigt sich anhand entsprechender Funde, dass Spinnen und Textilhandwerk Alltag waren. Archäologen können dies beispielsweise belegen, wenn sich Spinnwirtel oder Webgewichte im Fundmaterial von Siedlungsgrabungen finden.

Bei einem Spinnwirtel handelt es sich um das bei der Handspinnerei verwendete Schwunggewicht, welches am unteren Ende einer Handspindel sitzt. Spinnwirtel finden sich im archäologischen Fundmaterial des Neolithikums genauso wie in dem der Bronzezeit, der Eisenzeit, der Römerzeit und natürlich im gesamten Mittelalter. Mit dem Aufkommen des handbetriebenen Spinnrades im 13. Jahrhundert kommen Handspindeln – und somit auch die Spinnwirtel – nach und nach außer Gebrauch.

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Hinweise auf Textilherstellung in abgegangenen Siedlungen: Oberflächenfunde von Spinnwirteln aus Ton und Knochen (Foto: Biggi Schroeder)

Auch im Fundmaterial der von mir regelmäßig begangenen mittelalterlichen Wüstungen finden sich häufiger Spinnwirtel. Etwas problematisch ist es, die genauere Zeitstellung der Wirtel zu ermitteln. Da diese als  Lesefunde geborgen wurden, ist eine genauere Datierung oft nicht möglich. Dies gilt vor allem dann, wenn sie keine besonderen Merkmale – wie etwa Verzierungen oder spezielle Formen – aufweisen. Bei einer archäologischen Grabung wäre das anders, denn hier hätte man die Möglichkeit einer Datierung in einen Kontext zu Beifunden oder über die Stratigraphie.

Vom Material her gab es Spinnwirtel aus Stein, Ton, Glas, Knochen und Metall. Was die Form betrifft, so waren kegelförmige, scheibenförmige, halbkugelige, doppelkonische oder runde Formen beliebt.

Ich möchte nachfolgend vier Spinnwirtel aus dem Fundmaterial meiner Wüstungen einzeln  vorstellen. Zur besseren Visialisierung habe ich, zusätzlich zu den Fotos, noch einige Zeichnungen im Maßstab 1:1 angefertigt.

Spinnwirtel aus Knochen (halbkugelig)

Der Spinnwirtel aus Knochen ist ohne jede Verzierung. Eine Besonderheit zeigt sich bei Lochbohrung: Dieses ist nicht komplett durchgängig. An der Unterseite beträgt die Tiefe der Bohrung 1,2 cm und an der Oberseite 0,4 cm. Denkbar wäre, dass es sich hierbei um einen misslungener Versuch handelt.

Von seiner Form her ist der Spinnwirtel halbkugelig. Er hat einen Durchmesser von 3,6 cm und ist an der höchsten Stelle 1,8 cm hoch.


Spinnwirtel aus Ton (rund)

Der Spinnwirtel ist an der Oberfläche grau-blau und im Kern grau. Der Ton ist teils mit weißen Partikeln (Quarzsand?) und mit kleinen schwarzen Partikeln gemagert und wurde mittelhart gebrannt.

Von seiner Form her ist der Spinnwirtel rund. Er hat einen Durchmesser von 3,5 cm und eine Höhe von 1,9 cm.


Spinnwirtel aus Ton (kegelförmig)

Der nicht komplett erhaltene Spinnwirtel ist an der Oberfläche und im Kern grau. Der Ton ist teils mit weißen Partikeln (Quarzsand?) gemagert und mittelhart gebrannt.

Von seiner Form her ist der Spinnwirtel kegelförmig. Er hat einen Durchmesser von 2,5 cm und ist 2,0 cm hoch.


Spinnwirtel aus Ton (doppelkonisch)

Der Spinnwirtel ist an der Oberfläche dunkelgrau und relativ gut geglättet. Er ist mittelhart gebrannt.

Von seiner Form her ist der Spinnwirtel asymetrich doppelkonisch. Ober- und Unterseite sind nicht gekehlt sondern flach.  Er hat an der breitesten Stelle einen Durchmesser von 2,5 cm und ist 1,5 cm hoch.

 

Literaturhinweise:

Die nachfolgenden Publikationen sind im Intenet als PDF abrufbar:

Karina Grömer, 2006: Vom Spinnen und Weben, Flechten und Zwirnen. Hinweise zur neolithischen Textiltechnik an Österreichischen Fundstellen. Archäologie Österreichs 17/2, 2006

W. Haio Zimmermann, 1982: Archäologische Befunde frühmittelalterlicher Webhäuser. Jahrbuch der Männer vom Morgenstern 61, 111-144, Bremerhaven, 1982

 

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Wikipedia goes GLAM – KulTour im Prätorium Köln

Am 03. Dezember fand im Prätorium in Köln der Auftakt zu einer Reihe von Einzelveranstaltungen des Projekts Wikipedia:GLAM/Kölner Rathausplatz statt. Dirk Herdemerten (ARCHBAU Rheinland-Süd)  – der auch daran teilnahm – brachte mich auf die Idee, das es etwas für mich sein könnte. Und so machte ich mich auf nach Köln!

Vor dem Prätorium war kurz vor dem Start der Führung bereits eine nette Truppe von  Wikipedianer_innen versammelt. Geführt wurden wir von  Dr. Thomas Otten, dem  Projektleiter des Museumskonzepts. Er brachte uns im Rahmen der fast 3stündigen exklusiven Backstage-Führung auf den aktuellsten Stand des Projekts. Unterstützt wurde er dabei von Dr. Tanja Potthoff (Wissenschaftliche Referentin Archäologie) sowie Dr. Christiane Twiehaus (Leitung Abteilung Jüdische Geschichte).

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Mauerreste des römischen Statthalterpalastes (Praetorium) – Foto: Biggi Schroeder

So erfuhren wir von Herrn Dr. Otten, dass der Museumsneubau „MIQUA – Archäologisches Quartier und Jüdisches Museum“ heißen wird. Der Name MIQUA verbindet quasi die Location des neuen Museums, welches sich „Mitten im Quartier“ befindet, mit einem der wichtigsten Bestandteile des Konzepts, der Mikwe, einem jüdischen Ritualbad.

Das neue Konzept setze durchaus auf multimediale Effekte, so Otten, aber diese sollen keinesfalls in übertriebenem Maße zu Einsatz kommen. Vielmehr schaut man sich derzeit um was es an Möglichkeiten gibt. Man plant jedenfalls die Effekte wohldosiert einzusetzen, und zwar dort wo es auch Sinn macht.

Für mich persönlich ist das geplante Ausstellungskonzept hinsichtlich des in den Grabungen  geborgenen Fundmaterials sehr durchdacht. Die Funde sollen mit dem Fundort und dessen Geschichte verortet bleiben – so werden sie nicht aus dem Kontext gerissen. Daher soll es auch keine Ankäufe von potenziellen Ausstellungsstücken geben. Vielmehr setzt man daruf, die Alltagsdinge an dem Ort auszustellen, wo sie gefunden wurden.  Die gesamte Ausstellungsfläche wird übrigens ca. 1600 m² Ausstellungsfläche betragen. Das ist eine ganze Menge, wie ich finde.

Einen guten Gesamtüberblick bietet übrigens die Webseite „Archäologische Zone – Jüdisches Museum“

Abschluss im Lokal K

Am Abend gab es dann im Lokal K ab 18:30 Uhr noch eine Wikipedia-Weihnachtsfeier mit dem wohl seit Jahren stattfindenden traditionellen Bücherwichteln. Alles in allem eine tolle Sache und ein fantastischer Ausklang eines gelungenen Tages 🙂

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Das Buffet im Lokal K war reich gedeckt. (Foto: Biggi Schroeder)

Mitmachen bei Wikipedia – Das kannst auch du!

Als Wikipedia-Neuling (ein sogenanntes Wiki-Greenhorn) erhoffte ich mir von der  Veranstaltung natürlich auch Tipps für meine Mitarbeit an dem Projekt. Jedenfalls war es toll, mit den „alten Hasen“ unter den Wikipedia Autorinnen und Autoren ins Gespräch zu kommen.

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Ich bin ein Wiki-Greenhorn 🙂

Fluch oder Segen? – Funde ungewöhnlich großer Keramikscherben mit frischen Bruchkanten

Lesefunde, welche  von bewirtschafteten Ackerflächen stammen, sind in der Regel aufgrund des Einsatzes moderner Landmaschinen oft sehr kleinteilig zerscherbt. Daher war ich umso überraschter, als ich bei einer meiner letzten Begehungen auf dem wenige Wochen zuvor frisch gepflügten Acker erstaunlich viele große Scherben fand. Und noch erstaunter war ich über die vielen frischen Bruchkanten. Daher versuchte ich zunächst herauszufinden, ob einige der Scherben zusammenpassen. Das war tatsächlich bei manchen der Fall – sie mussten also von demselben Gefäß stammen.

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Südgallische terra sigillata – Bodenscherbe einer Drag 30 Schüssel (Foto: Biggi Schroeder)
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Südgallische terra sigillata: Zwei zusammenpassende Bodenfragmente einer Schüssel (Drag 27). Der Stempel auf der Innenseite des Gefäßes verrät uns den Namen des Töpfers: FIRMO                 (Foto: Biggi Schroeder)
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Töpferstempel FIRMO in Großaufnahme (Foto: Biggi Schroeder)


Warum tauchen plötzlich so viele große Scherben auf?

Diese Frage habe ich mir natürlich gestellt! Meine Vermutung ist, dass der Landwirt möglicherweise etwas  tiefer gepflügt hatte und im Zuge dessen vielleicht einige Gruben angeschnitten hat. Die Scherben traten an manchen Stellen relativ konzentriert auf – das könnte ein weiteres Indiz dafür sein.

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Bodenfragment aus der TS Produktion Rheinzabern (Foto: Biggi Schroeder)

Nicht zu unterschätzen ist zudem der erosionsbedingte Bodenabtrag auf der Ackerfläche.  Denn je dünner die Pflughorizontschicht über einem Bodendenkmal ist, umso eher sind darin befindliche Artefakte und Mauerreste gefährdet.

Beide Faktoren könnten – einzeln oder gemeinsam -in meinem Fall dafür gesorgt haben, das der Pflug die bislang geschützten Scherben  ans Tageslicht brachte.

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Wandscherbe der Urmitzer Ware (Foto: Biggi Schroeder)

Gut oder schlecht?

Gut an der Sache ist, dass ich die Scherben dokumentieren und bergen konnte. Schlecht daran ist, dass der Pflug vermutlich in den Bereich des Bodendenkmals gelangt ist und somit bisher geschützte Funde an die Oberfläche befördert hat.  Umso wichtiger ist die horizontalstratigrafische Dokumentation der  Lesefunde.

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Wandscherbe einer vorgeschichtlichen Warenart (Foto: Biggi Schroeder)

History-Tour: Eine Exkursion zum spätrömischen Hafen und frühmittelalterlichen Gräberfeld in Astheim

Archäologie & Geschichte können als  wichtiges Bindeglied zwischen Gesellschaft und Politik fungieren. So hatte der an Archäologie und Geschichte sehr interessierte Bundestagsabgeordnete Gerold Reichenbach vor 16 Jahren die Idee, eine History-Tour ins Leben zu rufen. Diese steht unter der Schirmherrschaft des Historikers und Germanisten Prof. Dr. Ernst Erich Metzner. Alle Informationen hierzu sind auf der Homepage von Gerold Reichenbach zu finden.

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Dr. Thomas Maurer (links) und Gerold Reichenbach (Foto: Biggi Schroeder)

Die gestrige Exkursion  stand unter dem Motto „Über Stock und Stein“. Als Referent stand Dr. Thomas Maurer (M.A.) vom Institut für Archäologische Wissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt am Main zur Verfügung. Er führte uns zum Gelände, auf dem der spätrömische Burgus, einer sogneannten Schiffslände, im Jahr 2003 als Lehrgrabung der Uni-Frankfurt ausgegraben wurde. Die eigentliche Überraschung aber war, das neben dem Burgus auch neun frühmittelalterliche Körpergräber mit reichen Beigaben gefunden wurden.

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Das ehemalige Grabungsgelände des Schiffsländeburgus in Astheim (Foto: Biggi Schroeder)

Gerold Reichenbach hat einen sehr schönen Bericht über die gestrige Exkursion verfasst. Diesen kann man hier nachlesen: Zweite Station der „History Tour“: Zum Spätrömischen Hafen in Astheim

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Die Teilnehmer der Exkursion (Foto: Biggi Schroeder)

Aktenzeichen „Warenart unbestimmt“…

Jeder Feldbegeher kennt das sicherlich: Man findet hin und wieder Rand-, Wand- Bodenscherben, die man nicht zweifelsfrei einer  bestimmten Warenart zuordnen kann. Im Fundbericht und auf dem Fundzettel beschreibe ich diese anhand der sichtbaren Merkmale so gut wie möglich und versehe sie mit dem Hinweis „Warenart unbestimmt“.

Bei dieser Scherbe, die ich bei einer Begehung im Mai 2014 entdeckt habe, handelt es sich um einen solchen Fund. Er fällt (bislang) in die Kategorie“ Warenart unbestimmt“, denn selbst Autopsien haben bislang keine Klärung gebracht. Vielleicht kann irgend jemand anhand des Beitrags „sachdienliche Hinweise“ auf die Identität der „unbekannten Scherbe“ geben.

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Schauseite der Wandscherbe mit plastischer Wellen- und Rillenzier (Foto: Biggi Schroeder)

Beschreibung: Farbe mittelgrau, im Kern hellgrau, klingend hart gebrannter Scherben, breite und tiefe Riefen an der Innenseite, die Schauseite weist eine plastische Verzierung mit Wellenmuster und Rillen auf. Anhand des Verlaufs der Rillen könnte es sich um das Fragment eines Deckels handeln. Der Scherben weist nur wenige, mittelgrobe Magerungsbestandteile auf.

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Innenseite mit tiefer, breiter Riefung (Foto: Biggi Schroeder)
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Profil der Scherbe (Foto: Biggi Schroeder)

Von der Zeitstellung her würde ich eine grobe Datierung ins Spätmittelalter nicht ausschließen. Aber das muss erst mal pure Spekulation bleiben.

Vielleicht könnt ihr ja Licht ins Dunkel bringen. Ich freue mich auf entsprechende Hinweise zur möglichen Warenart!

 

 

 

Im Auftrag der HessenArchäologie unterwegs! – Ein Gastbeitrag für den LWL-Blog

Das LWL-Museum für Archäologie ist eine Institution, wenn es um die sehr anschauliche und moderne Präsentation der Geschichte Westfalens geht. Dazu trägt seit kurzem auch der LWL-Blog bei. Vor einigen Wochen wurde ich vom Redaktionsteam gefragt, ob ich einen Gastbeitrag für diesen Blog  schreiben würde. Dieser Bitte bin ich sehr gerne nachgekommen. Mein Beitrag wurde am 20. Mai publiziert und ist hier nachzulesen: Im Auftrag der HessenArchäologie unterwegs!

Wohl zu beachten! – Eine Anleitung von Anno 1888 für das Verfahren bei Ausgrabungen

Die ordnungsgemäßte Dokumentation von Funden und Befunden ist in der Archäologie & Denkmalpflege von größter Wichtigkeit! Ein noch so toller Fund wird für die Wissenschaft wertlos, wenn seine Herkunft nicht klar dokumentiert wurde. Vor diesem Hintergrund finde ich die kleine Publikation „Eine Anleitung für das Verfahren bei Ausgrabungen sowie zum Konservieren Vor- und Frühgeschichtlicher Altherthümer“ aus dem Jahre 1888 äußerst fortschrittlich. Denn hier zeichnet sich bereits in Zeiten lange vor Kultur- und Denkmalschutz  ein Grundverständnis für den richtigen Umgang mit den Funden und ihrer entsprechenden Dokumentation sehr deutlich ab.

Das PDF findet sich hier: Merkbuch Alterthümer auszugraben und aufzubewahren_Berlin 1888

Ein Zitat daraus, welches mit besonders gefällt, ist dieses hier:

„Überhaupt ist es von größter Wichtigkeit, die gefundenen Gegenstände gleich nach der  Auffindung durch Etiketten genau zu bezeichnen und über die Fundumstände möglichst sogleich an Ort und Stelle recht genaue Aufzeichnungen zu machen. Bei  Entdeckung größerer Fundstellen, sowie zur Untersuchung größerer Denkmäler ziehe man auf alle Fälle Sachverständige zu Rathe.“

Auf jeden Fall kann ich nur empfehlen, sich das Büchlein einmal durchzulesen.

Nachtrag: Rainer Schreg hatte in 2011 für seinen Blog Archaeologik ebenfalls einen sehr interessanten Blogpost zu dieser Publikation verfasst. Hier ist der Link dazu: Merkbuch, Alterthümer auszugraben und aufzubewahren 1888

 

„Land unter“ – Historische Hochwassermarken im Hessischen Ried

Ein Blick in die Siedlungsgeschichte und in die historischen Wetterdaten des Hessischen Ried zeigt uns, das der Kampf gegen Hochwasser in dieser Gegend eine lange geschichtliche Tradition hat. Neben zahlreichen Rheinüberflutungen hatten die rheinnahen Ortschaften besonders in den Jahren 1651, 1784 und 1845 unter extremem Hochwasser zu leiden. Eines der schlimmsten Hochwässer ereignete sich zum Jahreswechsel 1882/83 – also quasi in der Neujahrsnacht.

Um die historischen Hochwasserstände sichtbar zu machen, wurden in vielen der betroffenen Ortschaften an Gebäuden sogenannte „Hochwassermarken“ angebracht. Nachfolgend stelle ich einige Beispiele aus meinem Nachforschungsgebiet vor.

Die Alte Mühle in Wallerstädten

Die im Jahr 1619 erbaute Wassermühle in Wallerstädten liegt als einziges Gebäude auf der nördlichen Seite des Landgrabens. Die idyllische Lage kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es hier zu Hochwasserzeiten im wahrsten Sinne „Land unter“ war. Die Markierungen am roten Sandsteinbogen der Eingangstür zeugen noch heute davon.

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Alte Mühle in Wallerstädten (links) mit Blick auf den Landgraben (Foto: Biggi Schroeder)
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Die Hochwassermarken der Extremjahre 1784 und 1883 (Foto: Biggi Schroeder)
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In der Mitte des Fotos ist der rote Sandsteinbogen mit den Hochwassermarken zu sehen (Foto: Biggi Schroeder)

Der Bensheimer-Hof in Leeheim

Der Bensheimer-Hof in Leeheim hat eine sehr interessante und wechselvolle Siedlungsgeschichte, in welcher auch das Hochwasser über die Jahrhunderte immer wieder eine Rolle spielte. Es war quasi eine Landbewirtschaftung „auf nassem Grund“. Das Hochwasser von 1883 wurde für Leeheim  zu einem der schlimmsten der Historie: Ganze 1.440 Hektar einer Gesamtfläche von 1.475 Hektar wurden überflutet. 

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Der Bensheimer-Hof in Leeheim (Foto: Biggi Schroeder)
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Hochwassermarke am Sandsteintor des Bensheimer-Hofes (Foto: Biggi Schroeder)

Die Dietrich-Bonhoeffer-Kirche in Geinsheim

Die Baugeschichte der Dietrich-Bonhoeffer Kirche in Geinsheim ist untrennbar mit dem Jahrhunderthochwasser der Neujahrsnacht 1882/83 verbunden. Nach der Grundsteinlegung am 30. Mai 1882 wurden in Rekordzeit bis Jahresende die Turm- und Kirchenmauern errichtet und auch die Dacharbeiten waren weitgehend abgeschlossen. Der Rhein hatte zu diesem Zeitpunkt bereits den höchsten Stand des Jahrhunderts erreicht und am 29. Dezember 1882 brachen die Dämme. Eine Hochwassermarke vom 3. Januar 1883 an der Stützmauer des Chorbereiches erinnert noch heute an dieses Jahrhunderthochwasser.

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Dietrich-Bonhoeffer Kirche in Geinsheim (Foto: Biggi Schroeder)
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Hochwassermarken an der Stützmauer des Chorbereichs (Foto: Biggi Schroeder)

Fischergasse 21 a in Trebur

In der Fischergasse 21 a befinden sich an einem modernen Garagengebäude zwei Hochwassermarken. Die Garage liegt unmittelbar am Schwarzbachdamm.

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Der Schwarzbach in Trebur in der Nähe der Fischergasse (Foto: Biggi Schroeder)
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Die Hochwassermarken der Jahre 1784 und 1883 an einer Garage in der Fischergasse 21a  (Foto: Biggi Schroeder)

„Fieldwork wanted“ – Ein Erfahrungsbericht über die Teilnahme als Laie an archäologischen Ausgrabungen

Noch bevor ich mich in 2009 erstmals aktiv in der ehrenamtlichen Bodendenkmalpflege engagierte, wollte ich wissen: Wie funktioniert eigentlich Archäologie in der Praxis und was passiert bei einer archäologischen Ausgrabung. Für die Suche nach einer Möglichkeit zur Teilnahme an einer Ausgrabung war das Internet die erste Anlaufstelle. Hier fand ich nach einiger Recherche ein Projekt, welches meinen Vorstellungen entsprach und welches ich zudem mit einem Urlaub verbinden konnte: Archaeology LIVE!

Archaeology LIVE!  

Meine „Grabungs-Premiere“ hatte ich dann im August 2008 mit der Teilnahme an dem Projekt „Archaeology LIVE“ in York (UK). Bei Archaeology LIVE handelt es sich um ein vom York Archaeological Trust (YAT) sowie von Teilnahmegebühren finanziertes Projekt. Es bietet Laien und Studenten gleichermaßen die Möglichkeit, praktische Erfahrungen in der Disziplin Archäologie zu sammeln. Die Ausbildung erfolgt durch Berufsarchäologen. Allerdings sollte man sehr gut Englisch können, denn die gesamte Ausbildung erfolgt durch englische Muttersprachler.

Ausgrabung „Römisches Bühnentheater in Mainz“

Nachdem ich meine erste Grabungserfahrung in Großbritannien sammeln durfte, interessierte mich naturgemäß wie eine Ausgrabung in Deutschland abläuft. Im Internet war damals die Teilnahme von Laien an der laufenden Ausgrabung des römischen Bühnentheaters in Mainz ausgeschrieben. In 2009 nahm ich Kontakt zum damaligen Grabungsleiter Thomas Dederer von der Direktion Landesarchäologie in Mainz auf. Er gab mir die Möglichkeit, an einigen Urlaubstagen an der Ausgrabung teilzunehmen. Von ihm habe ich auch sehr viel über die Grabungstechniken etc. lernen dürfen. Übrigens wurden damals die diversen Grabungskampagnen fast allesamt unter tatkräftiger Mithilfe von  interessierten Mainzer Bürgern durchgeführt.

Ausgrabung eines fränkischen Gräberfeldes in Mörstadt (Kreis Worms/Alzey)

Ebenfalls über die Direktion Landesarchäologie in Mainz – unter der Grabungsleitung von Dr. Ronald Knöchlein – nahm ich in 2011 für 2 Tage an der Ausgrabung eines fränkischen Gräberfeldes in Mörstadt teil. Es lag in der Natur der Sache, das ich es hier erstmals mit menschlichen Überresten zu tun hatte. Zudem war eine körperlich sehr anstrengende Grabung, denn an den beiden Tagen lag die Ausstentermperatur bei nahezu 40 Grad. Auch die Planen und Sonnenschirme konnten da nicht viel Linderung bringen… Dennoch war es eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte.

Geoprospektion des Weilerhügels

Aber nicht nur Grabungen, sondern auch die zerstörungsfreie Geoprospektion gehört zur archäologischen Geländearbeit. Im Jahr 2013 führte terraplana am Weilerhügel eine vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen sowie vom Grundstücksbesitzer genehmigte Prospektion durch, an der ich auch teilgenommen habe. Der Weilerhügel ist der Rest einer mittelalterlichen Niederungsburg des 11. und 12. Jahrhunderts, welche in der Gemarkung Hähnlein liegt. Unter der Leitung von Martin Posselt (Posselt & Zickgraf) nahmen ausschließlich Laien an der Geoprospektion teil. Auch dies war eine Erfahrung, die Laien das Verständnis für die Archäologie, Denkmalpflege und den Schutz von Kulturgütern näherbringen kann.

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Teilnehmer der Geoprospektion in „Action“:  Biggi Schroeder, Martin Posselt, Jörg Lotter & Peter Schmidt (Foto: B. Schmidt)

Fazit: Es bieten sich für Laien einige Möglichkeiten der Teilnahme an Ausgrabungen und auch an Prospektionen. Ich möchte vorab noch nicht zu viel verraten, aber ich werde in meinem Blog in Kürze nochmals auf eine Auflistung hinweisen. Mehr will und darf ich noch nicht verraten… Es bleibt also spannend 😉

Ausstellungstipp: OMG! – Objekte mit Geschichte!

OMG! – Objekte mit Geschichte. So lautet der Titel einer aktuellen Ausstellung im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe. Dort sind an 26 Stationen – inmitten der Dauerausstellungen – Objekte mitsamt ihrer jeweils außergewöhnlichen Geschichte zu erleben. Fast alle gezeigten Objekte fanden auf äußerst seltsamen und oft zweifelhaften Wegen ihren Weg ins Museumsdepot.

Die folgende „Objektgeschichte“ finde ich besonders bezeichnend, denn sie handelt in einer Zeit, als typischerweise Pfarrer, Lehrer und Akademiker an archäologischen Ausgrabungen teilnahmen – oder diese gar in Eigenregie ausführten.

Des Pfarrers „neue Pötte“

Bei einer Ausgrabung der Badischen Altertümerverwaltung im Jahr 1911 wurden im Kraichgau drei Gefäße aus einem Grabhügel der älteren Hallstattzeit geborgen. An der Grabung war unter anderem auch der ortsansässige Pfarrer beteiligt. Für seine Mühe hat er sich offenbar selbst belohnt: 3 der geborgenen Gefäße hat er als „persönliches Andenken“ an die Grabung für sich behalten.

Obwohl das Badische Landesmuseum die Gefäße über Jahre hinweg zurückverlangte, kamen erst seine Erben der Aufforderung nach und übergaben die Gefäße. Allerdings waren diese inzwischen leider mit einer Tarnfarbe überstrichen worden…

Hallstattzeitliche Gerfäße mit moderner Übermalung
Des Pfarrers „Pötte“:  Nach 100 Jahren fanden sie endlich ihren Weg ins Museum. Leider wurden sie mit einer Tarnfarbe übermalt! (Foto: Biggi Schroeder)

Fazit: Eine sehr lohnenswerte Ausstellung mit einen ganz spannenden Ansatz für die Präsentation von archäologischen Objekten. Diese werden nicht als „Schatz“ präsentiert, sondern als das was sie tatsächlich sind: Objekte mit einer Geschichte!