Keramik im Scherbenschleier! Vom Umgang mit spätmittelalterlichen bis neuzeitlichen Lesefunden

Viele Feldbegeher neigen dazu, bei einer Begehung ausschließlich die „schönen“ und verzierten Scherben aufzunehmen sowie selektiv hinsichtlich der eigenen bevorzugten Zeitstellung zu agieren. Einige mir bekannte Personen sind gar der Meinung, dass ausschließlich die Randscherben eine Aussagekraft besitzen. Als Folge bleiben unscheinbar aussehende Wandscherben sowie auch spätmittelalterliche bis neuzeitliche Keramik – welche dem Scherbenschleier zuzuordnen ist – auf dem Acker zurück. Aber gerade eine konsequente und gute Dokumentation dieser Warenarten kann den Archäologen wichtige Aussagen hinsichtlich möglicher Veränderungen in den Landnutzungsstrategien und somit der Siedlungsentwicklung geben.

Was genau ist eigentlich ein Scherbenschleier?

Einen sehr guten Überblick – auch über die Bedeutung des Scherbenschleiers für die Forschung – liefert uns Rainer Schreg in seinem Blogpost „Scherbenschleier als Indikator für Landnutzungsstrategien“

Auch Tamara Ruchte, Larissa Schulz und Lukas Werther haben den äußerst interessanten Blogpost „Landnutzung und Siedlungsentwicklung im Umfeld des Karlsgrabens. Scherbenschleier als archäologische Quelle“ verfasst. Hierbei geht es um mehrere Kampagnen, in denen ein Team aus Studierenden und Ehrenamtlichen sehr große Ackerflächen systematisch begangen hat.

Gerade auch die Beschreibung der Methodik finde ich hierbei sehr spannend. Alle Fragmente (auch kleinste Teile) wurden systematisch und zentimetergenau mittels Differential-GPS eingemessen. Abgrenzbar gegen echten Siedlungsniederschlag wird das Fundmaterial übrigens nur durch eine vollständige Aufsammlung. Hier zählt also eher die Quantität als die Qualität. Die so gewonnenen Daten können zu einem besseren Verständnis der spätmittelalterlichen bis neuzeitlichen Landnutzung und Siedlungsgenese beitragen. Ein gutes Beispiel in diesem Zusammenhang ist die Mistdüngung: Zerbrochene Keramik wurde früher häufig auf dem Misthaufen entsorgt. Die Scherben gelangten dann – quasi als sekundärer Verlagerung – zusammen mit dem Dung auf die Felder.

Beispiele für keramisches Fundmaterial aus dem Scherbenschleier

Nachfolgend stelle ich einige der Keramikfunde aus dem Fundmaterial meiner Wüstungen vor, die dem Scherbenschleier zuzurechnen sind.

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Blau-graues Steinzeug diverser Produktionsstätten und Zeitstellungen – etwa zwischen 1650 bis 1800 n. Chr. (Foto: Biggi Schroeder)
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Untere Reihe & oben rechts: Fragmente vom Siegburger Trichterhalskrügen,  1675 n. Chr.  Oben limks: Hart gebrannte Irdenware rhein. Produktion – ca. 12-13. Jhd.                          (Foto: Biggi Schroeder)
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Scherben der Warenart „Jüngere graue Drehscheibenware“ (Foto: Biggi Schroeder)
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Kleinstfragment eines Siebeinsatzes (links unten) sowie Scherben der sogenannten  manganvioletten Ware (Foto: Biggi Schroeder)

Die Aussagekraft des Scherbenschleiers

Der Aussagekraft des Scherbenschleiers ist auch wichtig zur Abgrenzung echter Siedlungsaktivitäten der begangenen Flächen. Wichtig sind in dem Zusammenhang die Beobachtung und Dokumentation von Funden der jüngeren Vergangenheit zur Eingrenzung von Arealen mit Müllabladung.

Übrigens: Für Verteilungsanalysen sind Randscherben allein oft zu wenig. Eine grobe Einordnung nach Warenarten ist aber oft auch bei Wandscherben möglich.

 

Keramik des Hochmittelalters: Pingsdorfer Ware

Autopsie meiner Fundstücke

Die Pingsdorfer Ware ist sehr häufig im Fundspektrum meiner Wüstungen vertreten. Dieser Umstand und wohl auch der schlechte Forschungsstand in Südhessen veranlasste Rainer Schreg (RGZM) vor 2 Jahren dazu, mir einen direkten Vergleich meiner Funde mit Originalen aus Haithabu anzubieten. Diese Autopsie fand im Mai 2013 am RGZM in Mainz statt. Rainer und seine Kollegin Heidi Panthermehl konnten mein mitgebrachtes Fundmaterial im direkten Vergleich mit Pingsdorfer Ware des Fundorts Haithabu betrachten. Das Ergebnis: Beim Großteil der Scherben handelt es sich wohl tatsächlich um Ware, die im rheinischen Vorgebirge produziert wurde. Mein Fundmaterial stammt übrigens von Wüstungen, die im Einzugsgebiet der ehemaligen Pfalz Trebur liegen. Vielleicht gehörte die Keramik sozial besser gestellten Menschen, die sich solche Importwaren leisten konnten.

Beschreibung der Warenart

Bei der Pingsdorfer Ware handelt es sich um eine rot bemalte, helle Irdenware. Produziert wurde die Pingsdorfer Ware zwischen dem späten 9. und dem 13. Jahrhundert an verschiedenen Töpferzentren im rheinischen Vorgebirge, u.a. auch am namensgebenden Standort Brühl-Pingsdorf. Da es sich bei den Produkten überwiegend um ein Schank- und Tischgeschirr handelte, dominierten formentechnisch Amphoren, Krüge, Becher und Töpfe. Es gibt wie bei jeder anderen Warenart auch immer lokale Nachahmungen, die aber oft durch spezifische Merkmale (wie etwa Glimmerzusätze) gut von der rheinischen Vorgebirgsware zu unterscheiden sind.

Die grafische Gestaltung

An der Pingsdorfer Ware fasziniert mich vor allem die ungewöhnliche Art der grafischen Gestaltung: Vor dem Brennvorgang wurde roter (eisenhaltiger) Tonschlicker mit den Fingern oder einem Pinsel auf die hellen Gefäße aufgetragen. Die unregelmäßig wirkende Bemalung mit Tupfen, Klecksen, Kringeln, Strichen oder Gittermustern fand sich meistens unterhalb der Randzone der Gefäße, aber auch am Fuß der Gefäße. In einigen Fällen reicht die Bemalung sogar über den Gefäßrand hinaus; d.h. die Innenseite ist ebenfalls bemalt.

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Pingsdorfer Ware: Verziert mit Strichen, Kringeln, Tupfen und Gittermuster (Foto: Biggi Schroeder)

Scheinbar war diese  unregelmäßig anmutende Art der Verzierung ein „neuer Trend“ in grafischer Hinsicht. Mir fällt dazu auch das Wort „mutig“ ein: Denn diese Art der Verzierung steht m.E. in deutlichem Kontrast zu den bislang aus dem Mittelalter bekannten, eher gleichmäßig und grafisch exakt anmutenden, Verzierungstechniken. Wollte man ein Zeichen setzen? Das wird sich wohl nicht mehr klären lassen…

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Eigene Nachbildung eines Pingsdorfer Bechers mit Linsenboden der Phase 3 nach Sanke – datiert ca. 900 n. Chr. (Foto: Biggi Schroeder)

Warentechnische Merkmale

Farbtechnisch und auch vom Härtegrad sind die Pingsdorfer Scherben sehr unterschiedlich. Neben weißlichen-gelben Tönen treten orangefarbene sowie auch graue bis oliv-graue Töne auf. Die grauen Töne können durch durch eine Überfeuerung beim Brennvorgang entstanden sein. Das Farbspektrum bei der Bemalung variert ebenfalls von einem hellen rot bis hin zu dunkelviolett. Vom Härtegrad her variiert die Spanne von hart gebrannt bis hin zu steinzeugartig hart gebrannt. Eines haben die Scherben jedoch gemeinsam: Eine sandpapierartig rauhe Oberfläche, die durch die Magerung des Tons mit relativ feinem Sand entstand.

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Diese Tülle gehört zu der grauen, überfeuerten Variante der Pingsdorfer Ware (Foto: Biggi Schroeder
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Gelb-orange farbene Tülle einer Pingsdorfer Amphore (Foto: Biggi Schroeder)

Formenspektrum

Bei Wikipedia gibt es eine frei zugängliche Übersicht über das Formenspektrum der Pingsdorfer Keramik nach Koenen BJB 1898.

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Verbreitung

Die Verbreitung der Pingsdorfer Ware erfolgte meist rheinabwärts und entlang seiner Nebenflüsse. Sie wurde auch bis in das Nordseeküstengebiet befördert, sogar in England und Skandinavien ist sie zu finden. In Südwestdeutschland konnte Uwe Gross das Vorkommen dieser Ware linksrheinisch zwischen „Mainz im Norden und der französischen Grenze im Süden“ und bis in das südliche Hessen und im Badischen Neckarmündungsgebiet nachweisen. 1

Publikationstipp zum Download

Die Publikation von Andreas Heege „Die Keramik des frühen und hohen Mittelalters aus dem Rheinland: Stand der Forschung – Typologie, Chronologie, Warenarten“ kann als PDF kostenfrei über die Webseite der Universitätsbibliothek Heidelberg heruntergelanden werden.

Mein Dankeschön für diesen Tipp geht an Prof. Dr. Siegmund Frank.

Quellennachweis
1.   Annarita Martini, Die mittelalterliche Keramik aus Ingelheim am Rhein,  2006; S. 119

 

Keramik des Früh- bis Hochmittelalters: Badorfer Ware

Zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert wurden am Töpfereistandort Badorf (eine der Töpfereien im Rheinischen Vorgebirge) u.a. die sogenannten Reliefbandamphoren sowie Töpfe mit Reliefband produziert.

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Mit Viereckrollstempeln verzierte Fragmente von Leistenauflagen einer Reliefbandamphore (Foto: Biggi Schroeder)
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Gemeinsames Merkmal sind aufgelegte bzw. verstrichene Leisten mit und auch ohne Dekor. Oft sind die Leisten aber mit Rollstempeln verziert. Bemerkenswert ist auch die beachtliche Größe der Gefäße. Man kann sich gut vorstellen, dass diese als Transport- oder Vorratsgefäß gedient haben. Auch über die Verzierung kann man spekulieren: Es könnte ein die Amphore umschlingendes Seil imitieren – etwa in der Art wie es die Römer zum Transport Ihrer Amphoren verwendeten. Es kann aber auch einen ganz anderen Zweck erfüllt haben: Rainer Schreg erwähnte beispielsweise einmal, dass diese Leistenauflagen möglicherweise auch der Stabilisierung des Gefäßes gedient haben könnten.

Badorfer Ware oder „Ware des Typs Badorf“ im Fundspektrum?

In meinem Fundspektrum sind auch einige Fragmente von Leistenauflagen sowie 3 Randscherben, welche auf der Randlippe eine Rollstempelverzierung tragen, vertreten. Ich hatte aufgrund von formalen und – soweit möglich- warentechnischen Kriterien vermutet, dass es sich dabei um die Badorfer Ware handeln könnte. Technisch zeichnet diese sich u.a. durch eine sehr feine Magerung (bis auf einige Ausreißer – siehe Foto) und eine matte, kreidigglatte Oberfläche sowie einen oxidierenden Brand aus. Aber ich wollte Gewissheit, also musste eine Autopsie her.

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Randscherbe der Badorfer Ware, die Randlippe ist mit Rollstempeldekor verziert. (Foto: Biggi Schroeder)

Dirk Herdemerten von der ARCHBAU in Köln bot mir spontan an, dass sich sein Mitarbeiter, Dieter Hupka, die Scherben einmal ansehen könnte. Dieter ist der Spezialist, wenn es um die Bestimmung von Warenarten aus dem Rheinischen Vorgebirge geht. Er schaute sich meine mitgebrachten Scherben unter Betrachtung der formalen und herstellungstechnischen Kriterien an.
Sein Fazit: Nach Autopsie der Stücke lässt sich eine Herkunft aus dem Vorgebirge/(‚Villle‘ bei Köln) begründet annehmen. Der Herstellung der Reliefbandamphoren ist aber nicht in Badorf allein zu lokalisieren, vielmehr kommen ebenso die Nachbarorte Eckdorf und Walberberg in Betracht. Die Befundlage ist generell für die Badorfer Ware nicht so gut wie im Falle von Pingsdorf, wo Töpferöfen und Material in relevanter Menge zutage kamen. Es ist sinnvoller, die Bezeichnung „Vorgebirgskeramik vom Typ Badorf“ zu verwenden, um Missverständnisse bzgl. der Provenienz auszuschließen.

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Dieter, Dirk und dem Team der ARCHBAU Köln für die unkomplizierte, „länderübergreifende“ Unterstützung bei der Keramikbestimmung.

Keramik des Früh- bis Hochmittelalters: Die ältere gelbe Drehscheibenware

Bei der Begehung meiner beiden Fundstellen im Raum Groß-Gerau treffe ich öfter einmal auf Scherben der älteren, gelben Drehscheibenware. Das veranlasst mich zu der Frage: Warum tauchen bestimmte mittelalterliche Warenarten, wie beispielsweise die ältere gelbe Drehscheibenware“ des Typs Kirchhausen“, im Fundspektrum der Wüstungen auf? Das lässt sich sicher nicht abschließend beantworten. Eines steht jedoch fest: Hinsichtlich der Verbreitung mittelalterlicher Import-Keramik im hessischen Ried ist anzunehmen, dass diese durch die günstige Verkehrslage der Handelswege – zu Fluss und über Land – beeinflusst wurde.

Ein Blick in die Siedlungsgeschichte des Raumes Trebur/Astheim während des Früh- und Hochmittelalter macht deutlich, dass die ehemals von den Römern besiedelten Flächen im Früh- und Hochmittelalter von den Merowingern und Karolingern weitergenutzt wurden. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass sich heute noch Spuren der ehemaligen Siedlungs- und Bestattungsplätze auch in Form von zerscherbter Keramik an der Oberfläche der Äcker zeigen.

Eine kurze Zusammenfassung zu der Geschichte Trebur-Astheims bietet auch die Webseite der Eugen-Schenkel-Stiftung: http://www.eugen-schenkel-stiftung.de/html/archaeologie/mittelalter.htm

Die ältere, gelbe Drehscheibenware

Einen guten Überblick zu der Warenart bietet beispielsweise die Webseite der Uni Tübingen mit der Vergleichssammlung des Institutes für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters. Hier gibt es unter anderem auch Zeichnungen, welche die einzelnen Gefäßtypen darstellen. Und man bekommt eine Vorstellung davon, wie die Gefäße einst ausgesehen haben: http://www.ufg-db.uni-tuebingen.de/sammlung-ma/warenarten/wa2.php

Die einzelnen Phasen der älteren, gelben Drehscheibenware

Typ Roeschwoog (erstes Viertel des 7. Jhd.)
Die chronologische Stellung dieser ältesten Formen der älteren gelben Drehscheibenware ist aufgrund der unlängst publizierten Befundsituation im benachbarten unterelsässischen Roeschwoog bekannt. Dort gelang es dank Dendrodaten von Hölzern aus einem Brunnen die früheste Phase der älteren gelben Drehscheibenware im ersten Viertel des 7. Jahrhunderts. zu verankern.1

Typ Kirchhausen (Spätes 7. Jhd. bis Anfang 9. Jhd.)
Relativ eindeutig erkennbar ist der „Typ Kirchhausen“ unter anderem an seiner Verzierung. Einige Varianten davon zeigen diese Fotos:

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Die Verzierung kann auch in Form von breiten, tiefen Riefen an der Gefäßoberfläche in Erscheinung treten, manchmal auch in Kombination mit einer Rollstempelzier.

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Scherbe des Typs Kirchhausen mit breiter Riefung an der Oberfläche. (Foto: Biggi Schroeder)
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2 Wandscherben des Typs Kirchhausen. Hier zeigt sich, welches Farbspektrum bei dem oxidierenden Brand entstehen kann. Es können sogar orange und rötliche Farbtöne entstehen. (Foto: Biggi Schroeder)

Meist wirkt die Scherbenoberfläche wie aufgeplatzt. Das kommt daher, weil die teils sehr groben Bestandteile der Magerung durchstoßen werden.

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Wandscherbe des Typs Kirchhausen mit Rollstempeldekor im Wolfszahnmuster. Links oben, am Rand der ersten Rollstempelreihe, sieht man schön die groben, roten Magerungsbestandteile. (Foto: Biggi Schroeder)

Ein weiteres Erkennungsmerkmal sind die waagrecht ausgebogenen, oft spitz ausgezogenen Ränder der Gefäße. 2

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Links: Randscherbe mit waagerecht ausgezogenem Rand und Rollstempeldekor. Rechts: Wandscherbe mit Wellenzier. (Foto: Biggi Schroeder)


Typ Runder Berg (Phase 9. Jhd. bis 10. Jhd.)
Diese Warenart wird durch verdickte, häufig kantige und innen leicht gekehlte Schrägränder und durch das Fehlen jeglicher Verzierung gekennzeichnet. 3

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Diese Randscherbe würde eigentlich sehr gut dem „Typ runder Berg“ entsprechen, wäre da nicht die Verzierung unterhalb des Randes. Daher kann es sich hierbei möglicherweise um eine „Übergangswarenart“ handeln. (Foto: Biggi Schroeder)
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Hier noch die zuvor abgebildete Scherbe im Profil. (Foto: Biggi Schroeder)


Typ Jagstfeld (Phase Anfang 11. Jhd. bis Mitte 12. Jhd.)

Die Ränder des Typs Jagstfeld besitzen eine kantige, nach innen abgeschrägte und meist leicht gekehlte Randlippe. 4

TIPP:
  Hier noch der Hinweis auf einen Beitrag von Rainer Schreg zur mittelalterlichen Keramik aus Geislingen, den er in seinem Blog Archeologik veröffentlicht hat. Er beschreibt darin u.a. auch die ältere gelbe Drehscheibenware: http://archaeologik.blogspot.de/2011/12/mittelalterliche-keramik-aus-geislingen.html

Quellenangaben:
1          Uwe Gross, Transitionen – Übergangsphänomene bei südwestdeutschen
Keramikgruppen des frühen und hohen Mittelalters, in: Arnold, Susanne; Damminger, Folke; Gross, Uwe (Hrsgg.): Stratigraphie und Gefüge. Beiträge zur Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit und zur historischen Bauforschung. Festschrift für Hartmut Schäfer zum 65. Geburtstag. Esslingen 2008, S. 142
urn:nbn:de:bsz:16-artdok-6636

2 – 4    Rainer Schreg, Keramik aus Südwestdeutschland. Eine Hilfe zur Beschreibung, Bestimmung und Datierung archäologischer Funde vom Neolithikum bis zur Neuzeit. Lehr- und Arbeitsmaterialien zur Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit, Tübingen 1998, (unveränderter Nachdruck der 2. Auflage, 1999), S. 206-208

Merowingerzeitliche Keramik

Die merowingerzeitliche Keramik ist vorwiegend aus Grabfunden bekannt. Die Grabkeramik diente der Aufbewahrung von Speise- oder Trankbeigaben, dementsprechend überwiegen Töpfe und Flaschen oder Kannen.1)
Formentechnisch gilt der Knickwandtopf als Hauptform der merowingerzeitlichen Keramik. Dabei handelt es sich nicht – wie oft vermutet  – um eine reine Grabkeramik.  Inzwischen konnten Siedlungsgrabungen den Nachweis erbringen, das Knickwandgefäße durchaus auch Bestandteil des Alltagsgeschirrs der Lebenden waren.

Die Warenarten

Knickwandtöpfe gehören eigentlich 2 Warenarten an, einer reduzierend gebrannten sorgfältig geglätteten und fein gemagerten Drehscheibenware und eben der rauhwandigen Drehscheibenware.2)

Nachfolgend einige Fotos der Lesefunde meiner Wüstungen im Hinblick auf die Differenzierung zwischen den beiden Warenarten.

Reduzierend gebrannte, geglättete Drehscheibenware

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Die hier dargestellten Scherben von Knickwandgefäßen gehören der Warenart „reduzierend gebrannte, geglättete Ware“ an. (Foto: B. Schroeder)


Rauhwandige Drehscheibenware

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Die hier dargestellten Scherben stammen vermutlich ebenfalls von Knickwandgefäßen und gehören der Warenart „rauhwandige Ware“ an. (Foto: B. Schroeder)

Die hier vorgestellten Warenarten sollen lediglich einen kurzen Überlick über die Warenarten im Fundspektrum meiner Lesefunde wiedergeben. Für weitergehende Informationen empfehle ich jeweils die im Quellennachweis genannte Literatur.

Quellenachweis:

1). Rainer Schreg, Keramik aus Südwestdeutschland, Verlag des Vereins für Archäologie des Mittelalters, Schloss Hohentübingen (Tübingen 1998) S. 193

2). Rainer Schreg, Keramik aus Südwestdeutschland, Verlag des Vereins für Archäologie des Mittelalters, Schloss Hohentübingen (Tübingen 1998) S. 194

Buchtipp: Keramik aus Südwestdeutschland von Dr. Rainer Schreg

Ich bereite derzeit eine Blogpost-Serie über die mittelalterlichen Warenarten des Fundspektrums meiner Wüstungen vor. Im Vorfeld möchte ich daher kurz ein Buch vorstellen, welches mir sehr bei der Bestimmung und Beschreibung der einzelnen Keramikfunde geholfen hat. Zitate daraus (oder aus der weiterführenden Literatur) werde ich jeweils unter Angabe der Quelle in meiner Blogpost-Serie verwenden.

Der Autor Dr. Rainer Schreg, der auch den sehr lesenswerten Blog Archaeologik betreibt, überarbeitet die Publikation derzeit zusammen mit Studierenden aus Tübingen und Heidelberg: http://archaeologik.blogspot.de/2015/07/keramik-aus-sudwestdeutschland-laufende.html

Der Link zu der Bezugsquelle für die Publikation findet sich hier: http://archaeologik.blogspot.de/2012/05/wieder-lieferbar-keramik-aus.html

Anfassen erwünscht! Eine Keramik-Bestimmungsübung an der Uni Heidelberg

Die Bestimmung von Keramik gehört mit zu den wichtigsten Aspekten der praktischen Arbeit eines archäologischen Wissenschaftlers. Daher sind Bestimmungsübungen beim Studium der archäologischen Fächer auch ein Teil der Lehrveranstaltungen an den Universitäten.

Rainer Schreg, der z.Zt. eine Vertretungsprofessur für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Heidelberg inne hat, kam auf die Idee, dass ich meine mittelalterlichen Keramikfunde als Anschauungsmaterial für die Studenten zu Verfügung stellen könnte. Ich war begeistert von dieser Idee, und so trafen wir uns schließlich am 09. Juli mit einer Gruppe von 8 Studenten der Vor- und Frühgeschichte im Übungsraum des „Haus zum Riesen“ in Heidelberg. Die Vorbereitungen waren schnell erledigt: 4 zusammengeschobene Tische dienten als Präsentationsplattform für ca. 30 repräsentativ ausgewählte Keramikfragmente, welche unterschiedlichen mittelalterlichen Warenarten angehörten.

Rainer Schreg mit Studenten der Vor- und Frühgeschichte der Uni Heidelberg bei der Keramiksichtung
Rainer Schreg mit Studenten der Vor- und Frühgeschichte der Uni Heidelberg bei der Keramiksichtung (Foto: B. Schroeder)

Im Rahmen der Session sollten die Studenten zunächst die Funde anschauen und vor allem auch anfassen, um so erste Ideen für eine typologische Einordnung entwickeln zu können. Die nächste Aufgabe bestand darin, die Keramik nach formalen und technischen Merkmalen zu sortieren, also nach Warenarten zu ordnen. Diese gar nicht so einfache Aufgabe gelang den Studierenden erstaunlich gut. Der 3. Part bestand darin, sich je ein Keramikstück herauszusuchen und dieses so genau wie möglich zu beschreiben. Gefragt war die Beschreibung der Scherbenbeschaffenheit sowie (falls ersichtlich) auch der formalen Kriterien. Erlernt wurden dadurch Materialkenntnis, Sehen und Fühlen, die Differenzierung von Warenarten, Herstellungsmerkmale, formale Beschreibung sowie die Beschreibung von Magerungspartikeln, die nicht immer der mineralogischen Terminologie folgt.

Was anschließend folgte, habe ich mit großer Spannung erwartet: Die zuvor von den Studierenden ausführlich beschriebenen Funde wurden nun mit einem digitalen Mikroskop betrachtet. Es stellt eine sehr gute Alternative zur herkömmlichen Lupe dar, denn es ist nicht nur eine vielfach bessere Vergrößerung möglich, sondern man kann das Bild auch digital dokumentieren und mit einem Maßstab versehen.

Fragment 3
Oberfläche einer Steinzeug-Bodenscherbe unter dem digitalen Mikroskop mit teilweise aufgeschmolzenen Magerungspartikeln (Foto: R. Schreg)

Bei der Betrachtung der Fundstücke legte Rainer Schreg das Augenmerk auf die Bruchstelle und die Oberfläche des Scherbens. Voraussetzung für eine gelungene Aufnahme ist es, eine möglichst ebene Fläche zu betrachten. Dies ermöglicht es uns, die Magerung des Scherbens sehr genau anzuschauen. Vor allem konnte man aber auch Spuren von Inhaltsresten, wie etwa Kesselstein an einem der Scherben, erkennen.

Merowingerzeitliche Knickwandkeramik mit Anhafungen von Kesselstein
Merowingerzeitliche Knickwandkeramik mit Anhaftungen von Kesselstein (Foto: R. Schreg)

Bei einer anderen Scherbe konnte Rainer Schreg einen Hohlraum ausmachen, der vermutlich einmal etwas Organisches, wie etwa ein Getreidekorn bzw. einen Spelz, enthalten hatte. Die Stelle war quasi „ausgewaschen“ und ist daher nur noch als Hohlraum sichtbar. Würde man diesen Hohlraum mit flüssigem Latex ausfüllen, so könnte man u.U. einen recht guten Abdruck von diesem ehemaligen organischen Bestandteil erhalten, der wohl Teil der Magerung des Tones oder einfach eine Verunreinigung war.

Bei einer Randscherbe der Badorfer Ware werden die ausgewitterten Partikel in der Mikroanalyse sichtbar
Bei einer Randscherbe der Badorfer Ware werden die ausgewitterten Partikel in der Mikroanalyse sichtbar (Foto: R. Schreg)

Zum Abschluss sahen wir uns dann noch gemeinsam einige der Funde an, die ich bislang unter unbestimmt eingeordnet hatte und die noch einer Autopsie bedurften.

Tipp: Rainer Schreg hat auf seinem Wissenschaftsblog Archaeologik einen höchst interessanten Beitrag zum Thema „Gebrauchsspuren an Keramik“ publiziert: http://archaeologik.blogspot.de/2012/08/gebrauchsspuren-keramik.html
Sehr zu empfehlen ist auch sein Blogbeitrag vom 21. Juli 2015 über die laufende Neubearbeitung seiner Publikation „Keramik aus Südwestdeutschland“: http://archaeologik.blogspot.de/2015/07/keramik-aus-sudwestdeutschland-laufende.html

Mein Fazit: Ein absolut spannendes Projekt welches wieder einmal zeigt, wie sinnvoll und vor allem fruchtbar eine Zusammenarbeit zwischen den Wissenschaftlern und uns Ehrenamtlichen sein kann. Mein Dank geht speziell an Rainer, der diese Idee hatte. Ich freue mich auf eine Fortsetzung unserer Kooperation im Sinne der Wissenschaft…