Mahlen für die Archäologie! – Bürgerwissenschaftler forschen im Langzeitprojekt zu römischen und keltischen Handdrehmühlen.

»Du kannst forschen«  – so heißt das spannende Citizen Science-Projekt des RGZM. Hier können interessierte Bürger in einem Langzeitexperiment zu keltischen und römischen Handdrehmühlen forschen. Aber was genau verbirgt sich dahinter? Das wollte ich genauer wissen, daher meldete ich mich für eine Teilnahme am 24.06. an.

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Römische Handdrehmühle im Römerbergwerk Meurin (Foto: Biggi Schroeder)

Treffpunkt war der Eingang des Römerbergwerks Meurin. Dort traf ich dann auch erstmals meine 4 Mitstreiter – allesamt Mitglieder der Kelten-Gruppe Touta Artia. Wir wurden von den beiden sehr netten Projektleiterinnen Dr. Martina Sensburg und Julia Weidemüller in Empfang genommen.

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Dr. Martina Sensburg (rechts) und Julia Weidemüller (links)      Foto: Biggi Schroeder

Zunächst gab es eine kurze Einführung in das Projekt. Im Anschluss hatten wir die Möglichkeit, die diversen Testmühlen sowie die Dokumentation in einem Testlauf auszuprobieren. Hinsichtlich der Dokumentation wurde z.B. Dauer, Umdrehungszahl, Gewicht aber auch die Menge des Mahlguts festgehalten. Auch die Erfassung individueller Daten der Teilnehmer (z.B. Geschlecht, Körpergröße, Energieverbrauch) fließt in die Auswertung mit ein.

Erst dann folgte das eigentliche Experiment. Dafür waren spezielle Handmühlen reserviert, welche noch quasi unbenutzt waren. Eine zuvor abgemessene Menge Dinkel diente als Mahlgut.

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Keltische Handdrehmühle mit Dinkel als Mahlgut (Foto: Biggi Schroeder)

Die Aufgaben der Teilnehmer wechselten im Rotationsprinzip bei allen Durchgängen des Experiments. So konnte jeder Teilnehmer jede Aktion 1 x durchführen. Jeder Durchgang dauerte 5 Minuten. Ein Teilnehmer betrieb die Handmühle während die anderen Teilnehmer die Dokumentation übernahmen. Festgehalten wurde immer die Anzahl der Umdrehungen der Mühle je Durchgang und Teilnehmer.

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Vorbereitungen für den nächsten Durchgang des Experiments (Foto: Biggi Schroeder)

Das fertige Mahlgut wurde anschließend gewogen. Schließlich wurde noch die Qualität des fertigen Mahlguts ermittelt. Dazu benutzten wir 3 Siebe mit unterschiedlicher Lochgröße. Mittels dieser ließ sich das Mahlgut in fein, mittelgrob und grob unterteilen. Jede dieser Mengen wurde erneut gewogen und dokumentiert. Somit war ein weiterer Vergleichsfaktor vorhanden, denn das entstandene Mahlgut war durchaus sehr unterschiedlich in der Qualität.

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Das entstandene Mahlgut wird zur Ermittlung der Qualität gesiebt. (Foto: Biggi Schroeder)

Mein persönliches Fazit:
Am meisten hat mich erstaunt, das es sehr gravierende Unterschiede bei den keltischen und römischen Mühlen hinsichtlich der Qualität des ausgeworfenen Mahlguts gab. Meiner Meinung war hierbei auch der Faktor Mensch ein Kriterium. Denn jeder einzelne Teilnehmer ist ja unterschiedlich in der Art und Weise, wie er den Mahlvorgang ausführt. Sicherlich hängt es aber noch von vielen weiteren Faktoren ab, die sich dann im Laufe dieses Langzeitexperiments wohl deutlicher ermitteln lassen.

Übrigens wurden Anmerkungen von uns Bürgerwissenschaftlern (zum Experiment und dem Ablauf) von beiden Projektleiterinnen dankbar aufgenommen und notiert. Sie betonten immer wieder, wie wichtig unsere Sichtweise und unsere Erfahrungen für das Experiment und den Ablauf seien. Für mich ist das definitiv Forschung auf Augenhöhe und ich sehe hier wirklich das Potenzial einer gemeinsamen, kontinuierlichen Weiterentwicklung der Fragestellungen.

Daher kann ich nur jedem Interessierten die Teilnahme empfehlen! Die Termine zur Anmeldung finden sich hier: Du kannst forschen / Termine  

Mehr zu Citizen Science und den Hintergründen des Projekts

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Auf den Spuren der Mayener Keramik – Ein Tag zwischen aktuellen Forschungen und archäologischen Experimenten.

Keramik gilt als eine der wichtigsten archäologischen Quellen. Somit ist es nicht verwunderlich, dass gerade die Mayener Ware mit ihrer über 2000jährigen, fast kontinuierlichen Produktion am Standort Mayen für die archäologische Forschung von großer Bedeutung ist. Den Beginn der Produktion vermutet man bereits in der 1. Hälfte des 1. Jhd. v. Chr., das Ende etwa zwischen den Jahren 1941-1943.

Bei meinen Feldbegehungen habe ich im Laufe der Jahre zahlreiche Keramik-Fragmente geborgen, die anhand verschiedener Kriterien für eine Provenienz Mayen sprechen würden. Aber ich wollte es genauer wissen! So kontaktierte ich Dr. Lutz Grunwald vom Kompetenzbereich Vulkanologie, Archäologie und Technikgeschichte des RGZM mit der Frage, ob er sich meine Funde einmal anschauen könnte. Er war gerne dazu bereit, und so machte ich mich am 11. Januar auf den Weg nach Mayen. Dort wurde ich äußert nett empfangen und hatte das Vergnügen neben Dr. Grunwald auch Dr. Michael Herdick, Dr. Stefan Wenzel und Katrin Heyken M.A. bei einer netten Frühstücksrunde näher kennenzulernen.

Autopsie meiner Funde

Nach den kulinarischen Freuden gab es im Nebenraum sozusagen das Dessert: Auf einem Tisch lagen bereits Originalfunde der Mayener Ware in chronologischer Reihenfolge. Anhand dieser Scherben erklärte Dr. Grunwald die einzelnen Merkmale und wies auf Besonderheiten in der jeweiligen Beschaffenheit hin. Das war äußerst spannend für mich, denn Keramik ist etwas, was man nicht ausschließlich über Beschreibungen und Zeichnungen erfassen kann. Ich finde, ein Vergleichsstück in den Händen zu halten ist besser als jede Publikation.

Nach diesem praktischen Exkurs schaute Dr. Grunwald sich als nächstes meine Scherben genauer an. Gerade die Bruchstellen waren für ihn interessant, denn mittels einer Lupe kann man auch kleinste Magerungspartikel erkennen. Diese können zusätzlich die Herkunft der Keramik untermauern.

Das Fazit seiner Autopsie: Bei 3 Fragmenten schloss er eine Herkunft aus Mayen aus. Hierbei handelt es sich vermutlich um eine lokal in Hessen produziert Ware. Dennoch ist bei immerhin 45 Scherben von einer Mayener Provenienz auszugehen. Ein Großteil davon ist der „Klingend hart gebrannten Mayener Ware“ des späten 8./9. Jhd. n. Chr. zuzuordnen.

Labor für experimentelle Archäologie

Im Rahmen meines Besuchs durfte ich mir auch das Labor für Experimentelle Archäologie anschauen. Hier erwartete mich bereits Dr. Michael Herdick, der Leiter des Kompetenzbereichs Experimentelle Archäologie. Bei der anschließenden Führung durch die Räumlichkeiten erfuhr ich dann einiges über die technische Ausstattung, die Arbeitsweisen und auch über die sehr hohen Sicherheitsstandards. Das Labor ermöglicht Studierenden und Forschern die Durchführung von Experimenten in den Segmenten Grobschmiedehandwerk, Keramikherstellung, Buntmetallurgie, Feinschmiedekunst oder Textilarchäologie.

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Im Labor für experimentelle Archäologie: Dr. Lutz Grunwald (links), Dr. Stefan Wenzel (Mitte) und Dr. Michael Herdick (rechts) stellen einige Fehlbrände vor (1 Original und 2 Nachbildungen)    (Foto: Biggi Schroeder)

Rekonstruktion eines Töpferofens

Das Highlight dieser Führung war für mich der Nachbau eines rekonstruierten Töpferofens aus Mayen aus der Zeit um 500 n. Chr. Hier erklärte Dr. Herdick dann einiges zur Bauweise und Funktion des Ofens, der bereits einige erfolgreiche Brennversuche hinter sich hat. Dieser Ofentyp wurde zum Brand von einfacher rauhwandiger Ware, die für den Export bestimmt war, genutzt. Mich hat eigentlich am meisten erstaunt, dass auch die Gestaltung der Ofenwandung einen Einfluss auf das Brennergebnis und die Funktionstüchtigkeit hat. Näheres zu diesem Großprojekt findet man auf der Website des RGZM: Erstes Großprojekt am Labor für Experimentelle Archäologie gelungen

Einblick in die Funde aus dem Töpferzentrum Herforst/Speicher

Im 2. Stock des Hauses wartete eine weitere Überraschung auf mich: Hier zeigte Katrin Heyken mir die aus einer Grabung stammenden – bereits zu Gefäßen zusammengesetzten – Funde aus dem antiken Töpferzentrum Herforst/Speicher. Eine äußerst Interessante Geschichte, welche auch in einem Vortrag von Dr. Angelika Hunold und Dr. Holger Schaaff beleuchtet wird. Der Vortrag findet am 17. April 2018 im Rahmen der Wintervorträge statt und trägt den Titel: Archäologie von ungeahntem Ausmaß – Die römischen Töpfereien von Speicher und Herforst (Südeifel)

Fazit:
Für mich war dieser Tag im VAT Mayen etwas ganz Besonderes. Ich hätte nie erwartet, eine solche Fülle an Informationen zu bekommen. Mein Dank dafür geht an das ganze Team. Ganz besonders aber möchte ich Lutz Grunwald danken, der mich in einer unnachahmlich netten Art mit Informationen versorgt und durch den Tag in der VAT begleitet hat.

Empfehlenswerte Literatur zum Thema:

Lutz Grunwald, Den Töpfern auf der Spur – Orte der Keramikherstellung im Licht der neuesten Forschung: Ein Résumé unter Berücksichtigung der Mayener Keramikproduktion. In: L. Grunwald (Hrsg.), Den Töpfern auf der Spur – Orte der Keramikherstellung im Licht der neuesten Forschung. RGZM – Tagungen 21 (Mainz 2015) 449-461.

L. Grunwald, Mayen in der Eifel und die Herstellung der »Mayener Ware« von der Mitte des 4. bis in die 1. Hälfte des 6. Jahrhunderts. Archäologisches Korrespondenzblatt 46, 2016, 345-361.

L. Grunwald, Keramische Luxuswaren aus den spätmittelalterlichen Töpfereien von Mayen (Lkr. Mayen-Koblenz). Anmerkungen zu Werkstätten und zwei Krugfragmenten mit anthropomorphen Verzierungen. Archäologisches Korrespondenzblatt 45/1, 2015, 137-151.

L. Grunwald, Die spätmittelalterliche und neuzeitliche Keramikproduktion in Mayen in der Eifel. In: S. Glaser (Hrsg.), Keramik im Spannungsfeld zwischen Handwerk und Kunst. Beiträge des 44. Internationalen Symposiums Keramikforschung im Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg, 19.-23. September 2011 (Nürnberg 2015) 63-76.

L. Grunwald, Die Mayener Keramikproduktion der jüngeren Neuzeit: Vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. In: H. Schüller (Hrsg.), Mayen im Rückspiegel. Festschrift zum 725-jährigen Stadtjubiläum von Mayen in der Eifel (Mayen 2016) 184-201.

E. Hanning / G. Döhner / L. Grunwald / A. Hastenteufel / A. Resch / A. Axtmann / A. Bogott, Experimental Reconstruction and Firing of a 5th/6th Century Updraft Kiln from Mayen Germany. In: Experimentelle Archäologie in Europa H. 15, 2016, 58-71.

L. Grunwald, Produktion und Warendistribution der Mayener Ware in spätrömischer und frühmittelalterlicher Zeit. In: Chr. Later / M. Helmbrecht / U. Jecklin-Tischhauser (Hrsg), Infrastruktur und Distribution zwischen Antike und Mittelalter. Tagungsbeiträge der Arbeitsgemeinschaft Spätantike und Frühmittelalter 8 (Lübeck, 2.-3. September 2013) (Hamburg 2015) 191-207.

L. Grunwald, Die »Mayener Ware« zwischen Produkt, Handel und Distributionsgebiet (4. bis 14. Jahrhundert). In: M. Schmauder (Hrsg.), Keramik als Handelsgut. Produkt – Distribution – Absatzmarkt. Tagungsband Keramiksymposium 2016 Bonn (im Druck).

E. Hanning / G. Döhner / L. Grunwald / M. Herdick / A. Hastenteufel / A. Rech / A. Axtmann, Die Keramiktechnologie der Mayener Großtöpfereien: Experimentalarchäologie in einem vormodernen Industrierevier. Jahrb. RGZM 61, 2014 (im Druck).

L. Grunwald, Mayen in der Eifel vom 6. bis in das 10. Jahrhundert. Historische Einbindung – Siedlungsstruktur – Wirtschaftsbedeutung. In: Jörg Drauschke / Ewald Kislinger / Karin Kühtreiber / Thomas Kühtreiber / Gabriele Scharrer-Liška / Tivadar Vida (Hrsg.), Lebenswelten zwischen Archäologie und Geschichte. Festschrift für Falko Daim zu seinem 65. Geburtstag. RGZM Monographien 150 (Mainz 2018) (im Druck).

 

Terra Sigillata-Lesefunde aus dem Kreis Groß-Gerau

Fast jeder von uns kennt Terra Sigillata aus den römischen Abteilungen der Museen. Es handelt sich dabei um das rote, teils mit schönen Bildreliefs verzierte, Glanztongeschirr der Römer.

Bei den regelmäßigen Surveys der beiden von mir betreuten Fundstellen im Kreis Groß-Gerau tauchen auch immer wieder Terra Sigillata-Scherben auf.  Am häufigsten sind unverzierte, kleine Fragmente zu finden. Diese kann man leider nicht zweifelsfrei einer bestimmten Form zuordnen. Trotzdem ist oft anhand der Scherbenbeschaffenheit die Bestimmung des Produktionsortes möglich.

Nachfolgend möchte ich einige meiner Funde vorstellen:

Südgallische Terra Sigillata
Produktionsort: La Graufesenque (heutiges Frankreich)

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Das Bildmotiv zeigt nur die Hälfte eines Tieres, daher ist eine eindeutige Bestimmung der Darstellung nicht möglich. Am ehesten würde ich die Darstellung eines Greifs vermuten (VGL bei Datenbank Samian Ware, Oswald 878)
Töpferstempel FIRMO
Mein Highlight: Der Töpferstempel des FIRMO ii (ca 65-80 n. Chr.) vgl. Hartley/Dickinson 2008c)
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Zu dieser Tasse der Form DRAG 27 gehört der Töpferstempel FIRMO (siehe oben)
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Schüssel der Form DRAG 29. Sichtbares Dekor: Rankenfries
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Schüssel der Form DRAG 29. Sichtbares Dekor: Girlande und eine Gans in der Mitte
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Schüssel der Form DRAG 29. Sichtbares Dekor: Rankenfries
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Sichtbares Dekor: 2 Männerfiguren (rechts im Bild ist eine Männergestalt gut erkennbar, links ist nur der Arm und der Oberkörper sichtbar)
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Schüssel der Form DRAG 30. Sichtbares Dekor: Perlstab & florales Muster
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Randscherbe der Form DRAG 29
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Randscherbe der Form DRAG 27
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Randscherbe einer Kragenrandschüssel – Curle 11/Ho 12
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Kompletter Boden einer DRAG 30 Schüssel
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Rand von einem Napf  der Form DRAG 27 (mit eingeschnürter Wandung)

 

Ostgallische Terra Sigillata
Produktionsort: vermutlich Trier

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Rankenfries mit Vogel – vermutlich Trierer Produktion
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Tasse bzw. Napf der Form DRAG 33 aus Ostgallien

Ostgallische Terra Sigillata
Produktionsort: Rheinzabern

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Fragment einer großen Platte aus der Rheinzaberner Produktion


Interessante Links zum Thema Terra Sigillata:

Samian Research Database des RGZM (Römisch-Germanisches Zentralmuseum Mainz)

Antike Tischkultur

Terra Sigillata Museum Rheinzabern

Potsherd : Atlas of Roman Pottery

Site archéologique Gallo-romain

Danksagung:
Mein Dank geht an Folkert Tiarks M.A. für die Hilfestellung bei der Bestimmung des Töpferstempels.

Kein alltäglicher Fund! – Die Scherbe einer römischen Gesichtsurne

Eine Gesichtsurne ist  eine Bestattungsurne, die gesichtsähnliche Verzierungen auf dem Gefäßkörper aufweist. Es gab sie bereits in einigen Gegenden seit der Jungsteinzeit. Darin wurde der bei einer Feuerbestattung entstehende Leichenbrand aufbewahrt.

Bei meinem Fundstück handelt es sich um das Fragment einer römischen Gesichtsurne. Man erkennt auf der Scherbe die Darstellung eines Auges sowie einen Teil der Augenbraue. Die Scherbe stammt von einer Fundstelle, auf der auch eine römische Villa zu vermuten ist. Inwieweit da an einen Grabkontext zu denken ist, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Es wäre es zumindest möglich!

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Fundstück von meiner Villenstelle: Scherbe einer römischen Gesichtsurne mit der Darstellung des Auges und ein Teil der Augenbraue (Foto: Biggi Schroeder)

Zum Vergleich mit meinem Fundstück: Fotos kompletter Gesichtsurnen

Einige Museen beherbergen komplette Gesichtsurnen. Ich habe hier einmal einige Beispiele aus dem Internet zusammengestellt. Zum anschauen einfach auf den Link klicken…

Gesichtsurne aus dem Museum Großkrotzenburg

Gesichtsurne im Museum der Burg Linn

Römische Gesichtsurne aus dem Historischen Museum der Pfalz, Speyer

RGM, Köln  Gesichtsurne mit Schutzzauber

Gesichtsurne (Museum der Stadt Boppard)

Gesichtsurne vom Unterradlberg  (Stadtmuseum St. Pölten)

Danksagung:
Vielen Dank an Folkert Tiarks M.A., der mir sehr bei der Bestimmung der Scherbe geholfen hat 🙂

 

 

Stempelverzierungen auf merowingerzeitlichen Knickwandgefäßen

Die Art der Verzierung eines Gefäßes kann für die archäologischen Wissenschaften von großer Bedeutung sein, denn nicht selten lassen sich anhand der diversen Stempelverzierungen auf den Gefäßen einzelne Absatzgebiete der Töpfereien sowie auch die Handelswege der Ware nachvollziehen. Selbst eine zeitliche Einordnung ist – unter der Berücksichtigung weiterer Kriterien wie Scherbenbeschaffenheit und Form – möglich.

Im Laufe der Jahre habe ich bei regelmäßigen Begehungen von zwei Wüstungen ebenfalls schon einige dieser stempelverzierten merowingerzeitlichen Scherben gefunden – so auch jetzt wieder bei meiner Begehung vom 13. August 2017. Typischerweise ist diese Keramik der Merowingerzeit ja eher aus Grabfunden bekannt. Dennoch tauchen sie auch öfters im Fundmaterial der von mir begangenen ehemaligen Siedlungen auf. Einige dieser verzierten Scherben möchte ich nun hier vorstellen.

Die frühe Phase: Anfang des 6. Jhd. n. Chr.

Einige der Scherben meines Fundmaterials sind anhand bestimmter Kriterien der frühen Phase zuzuordnen. Da wären zum Beispiel Verzierungen zu nennen, welche mit einem sogenannten Einzelstempel angebracht wurden.

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Randscherbe mit Einzelstempel (liegende S) und umlaufender Wulst unter dem Rand              (Foto: Biggi Schroeder)
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Randscherbe mit Halbbogenstempel-Einzelstempel (Foto: Biggi Schroeder)
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Wandscherbe mit Einzelstempel in Kreisform (Foto: Biggi Schroeder)

Anschlussphase: ab Mitte des 6. Jahrhundert n. Chr.

Im späteren Verlauf, etwa ab der Mitte des 6. Jhd. n Chr., traten dann Einzelstempel auch in Kombination mit Rollstempeln auf.

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Wandscherbe mit halbbogenförmigem Einzelstempel in Kombination mit Rollstempelzier     (Foto: Biggi Schroeder)
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Wandscherbe mit Rosettenstempel in Kombination mit mehrzeiligem Viereckrollstempel (Foto: Biggi Schroeder)
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Wandscherbe mit umlaufender Wulst und einzeln gestempelten, senkrecht gestellten, paarigen Vertiefungen (Foto: Biggi Schroeder)

 

Im Verlauf des späten 6 Jhd. bis hin zum 7. Jhd. n Chr. tauchten dann verstärkt auschließlich mehrzeiligen Rollstempelverzierungen an den Gefäßen auf. Hier einige Beispiele aus meinem Fundspektrum.

Zum Schluss noch ein wichtiger Aspekt:  Funde und deren Dokumentation

Übrigens finden auch die Archäologen meine Fundstellen und die Funde sehr spannend – nicht zuletzt, weil ich stets eine saubere Dokumentation der Funde mitliefere. Diese ist deshalb so wichtig, weil erst dadurch jede einzelne Scherbe quasi eine „Herkunft“ erhält.

Meine Fundmeldung an die HessenArchäologie erfolgt übrigens immer erst am Ende eines Jahres. Der für meinen Bereich zuständige Archäologe schaut sich dann die Funde zusammen mit mir an. Diese kann ich im Anschluss dann wieder zuhause in meinen Fundkisten verstauen.

Danksagung
Mein Dank für die Unterstützung bei der zeitlichen Einordnung der Keramikfragmente geht an Priv. Doz. Dr. habil. Rainer Schreg (Betreiber des Blogs Archaeologik) sowie Prof. Frank Siegmund.

Archaeologik zeigt, wie es funktioniert: Anleitung zur zeichnerischen Dokumentation von Keramikfunden

Der neue Blogbeitrag von Rainer Schreg hat es in sich: Er stellt in seinem Blog Archaeologik die zeichnerische Dokumentation von Keramikfunden vor. Der Beitrag ist auch für Laien gut verständlich und nachvollziehbar.  Es handelt sich dabei um eine step-by-step Anleitung, die mit entsprechenden Fotos und Beispielen von Fundzeichnungen sehr aussagekräftig ist.Mir gefällt auch die Kombination auf Foto und Zeichnung sehr gut. Das wird aber bei meinen Funden so gut wie kaum anwendbar sein, denn bei dieser Art der Darstellung sollte möglichst viel von dem Gefäß erhalten sein.

Hier ist der Link zu seinem Blogpost  Archaeologik: Zeichnerische Dokumentation von Keramikfunden

Mein Beitragsbild für diesen Blogpost zeigt eine von meinen eigenen Zeichnungen, die ich aber irgendwann durch eine bessere Zeichnung. ersetzen werde. Die Anleitung von Rainer Schreg ist auf jeden Fall für mich ein Anreiz, es selbst in dieser Form auszuprobieren 😉

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Zeichnung eines Spinnwirtels in der Draufsicht (Foto und Zeichnung: Biggi Schroeder)

„Scherben, Steine Wüstungen“ im Fokus des Wissenschaftsblogs Archaeologik

Der Wissenschaftsblog Archaeologik, über den ich auch schon einmal berichtet hatte, wird von Priv. Doz. Dr. habil. Rainer Schreg betrieben. Kürzlich hat er meinem Blog „Scherben, Steine, Wüstungen…“ einen Beitrag gewidmet. In diesem beleuchtet er die Inhalte meines Laienblogs aus dem Blickwinkel des Archäologen und Wissenschaftlers.

Hier ist der Link zu seinem Beitrag: Archaeologik: Scherben, Steine, Wüstungen…

Interne Links zu Archaeologik und zur Zusammenarbeit mit Rainer Schreg:
„Archaeologik: Der Wissenschaftsblog zu den Themen Archäologie und Kulturgutschutz“
Anfassen erwünscht! Eine Keramikbestimmungsübung an der Uni Heidelberg

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Keramik der Warenart „Pingsdorfer Ware“ aus der Ausstellung „Pfalz der Ottonen“ in der Saalkirche der Ingelheimer Pfalz (Foto: Biggi Schroeder)

 

Die Erstellung einer Funddatenbank – Ein Leitfaden für ehrenamtliche Feldbegeher

Warum brauchen wir denn eine Funddatenbank?

Um die bei einer Feldbegehungen festgestellten Fundkoordinaten für die archäologische Wissenschaft verwertbar zu machen, müssen wir diese entsprechend aufbereiten. Nur so ergibt sich ein vollständiger Überblick über die Begehungsaktivitäten.

Um ehrenamtlichen Feldbegehern den Einstieg in eine gute Dokumentation zu erleichtern, stelle ich hier mein Prinzip der Dokumentation vor. Dieses wurde von der HessenArchäologie und den Archäologen in meinem Netzwerk für sehr gut befunden.

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Diese Funde der Warenart „Pingsdorfer (oder Pingsdorfer Art) wurden in der Funddatenbank mittels ihrer Koordinaten und Beschreibungen genau erfasst. (Foto: Biggi Schroeder)


Die Erstellung einer Funddatenbank in Excel

Ich nutze als Funddatenbank ganz simpel eine Excel-Datei. Diese läßt sich bei Bedarf nach bestimmten Kriterien filtern.

Wandelt man die Excel-Datei in das Format CSV um, dann kann man sie sogar als Textdatei in ein Geoinformationssystem (z.B. QGIS) einbinden. Sie kann nun  in ein sogenanntes Shapefile umgewandelt werden, welches die Fundpunkte als Punktelayer auf eine topografische Karte projiziert.

Download einer Mustertabelle

Ich stelle hier nun eine Mustertabelle mit fiktiven Daten zum Download zur Verfügung.
Diese kann nach dem Download mit den eigenen Daten überschrieben werden.
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Beschreibung der Tabelleninhalte:

Fundtag:
Hier wird das jeweilige Datum der Feldbegehung eingetragen

Fundnummer:
Es ist sinnvoll, eine fortlaufende Fundnummer zu vergeben. Man kann dazu  beispielsweise auch die Numerierung der Waypoints nutzen, die das GPS-Gerät ausgibt. Diese sind fortlaufend, wenn man sie nicht zwischendurch löscht. Sobald ein Fund eingemessen ist, wird die Nummer des Waypoints auf einen Zettel notiert. Dieser kommt dann zusammen mit dem Fund in die Fundtüte. So wird sichergestellt, das dem jeweiligen Fund auch die richtigen Koordinaten zugeordnet werden.

Gemeinde, Gemarkung, Flur:
Diese Kategorie ist selbsterklärend 😉

X
Bei dem mit X bezeichneten Feld wird jeweils der sogenannte Rechtswert der Koordinate eingetragen.

Y
Bei dem mit Y bezeichneten Feld wird jeweils der sogenannte Hochwert der Koordinate eingetragen.

Bitte auch mit dem Amt zuvor klären, welches KBS (Koordinatenbezugssystem) verwendet werden soll. Die HessenArchäologie verwendet beispielsweise das Gauß-Krüger (3 Streifen) Koordinatensystem.

Beschreibung
Dieses Feld bietet mir die Möglichkeit, den einzelnen Fund ganz ausführlich zu beschreiben. Die Beschreibung bezieht sich auf das, was ich sehe: Form, Farbe, Beschaffenheit, Besonderheiten wie Verzierungen etc.

Warenart
Die Warenart ist bereits eine Klassifizierung des Fundes und sollte mit der einsprechenden Vorsicht angewandt werden.

Fundtyp
Hier gibt man die Fundkategorie in einer gröberen Einteilung an. Zum Beispiel: Alle Gegenstände, die aus Ton gefertigt wurde, werden unter dem Oberbegriff der Keramik erfasst.

Die Kategorien Arbeitsvermerke und Vergleichsfunde sind nur zu befüllen, wenn etwas derartiges festzuhalten wäre.

Hinweis:

Es kann es sein, dass, je nach Bundesland, andere Methoden der Dokumentation erwünscht sind. Man sollte man diese daher immer mit dem zuständigen Landesamt für Denkmalpflege abstimmen.

Glasperlenschmuck – Eine kunsthandwerkliche Tradition über die Jahrtausende

Schmuck galt schon in Zeiten der Vorgeschichte als kostbar und hatte über alle Epochen hinweg  einen besonderen Prestigewert. Auch Glasperlen dienten als Schmuck, entweder in Form von Ketten oder als Trachtenbestandteil. Die Glasperlenherstellung hatte ihren Ursprung im vor­geschichtlichen Europa bereits vor ca. 3.000 Jahren. Glasperlen finden sich daher im archäologischen Fundmaterial von Siedlungen und Gräbern der Bronze-, Eisen-, und Römerzeit bis hin zum Mittelalter.

Bei den Begehungen meiner mittelalterlichen Wüstungen finde ich auch heute noch Spuren dieser Schmucktradition. Zu meinem Lesefundspektrum gehören bislang 4 Glasperlen, welche ich über einen Zeitraum von ca. 3 Jahren bergen konnte. Um Perlen auf dem Acker zu erkennen, benötigt man neben guten Augen auch eine gewisse Portion Neugier. Zum Beispiel hätte ich – ohne diese Neugier – die weiße Perle mit einen Durchmesser von nur 5 Milimeter nicht als solche erkannt. Man hätte sie nämlich auch für einen kleinen Kieselstein halten können…

Nachfolgend stelle ich meine 4 Funde genauer vor. Die meergrüne und die weiße Perle konnten von ihrer Form her als merowingerzeitlich bestimmt werden. Die beiden kobaltblauen Perlenfragmente sind zeitlich nicht näher zu bestimmen. Von ihrer Form und Farbe her könnten sie vorgeschichtlich, römisch oder mittelalterlich sein.

Meergrüne Perle (merowingerzeitlich)

Die tönnchenförmige Perle ist aus opakem Glas. Dieses erscheint an der Oberfläche matt und rauh. Man kann aber die meergrüne Farbe noch deutlich an einigen Stellen erkennen. Sie hat einen Durchmesser von 1,2 cm und eine Höhe von 1 cm.

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Am oberen Rand ist die ursprüngliche Farbe noch gut sichtbar. (Foto: Biggi Schroeder)
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Die Glasperle im Profil  (Foto: Biggi Schroeder)

Weiße Perle (merowingerzeitlich)

Die Perle ist aus opakem Glas, welches an der Oberfläche matt erscheint. Sie hat einen Durchmesser von 0,5 cm und eine Höhe von 0,5 cm.

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Die Form der Perle ist eher viereckig als rund (Foto: Biggi Schroeder)
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Die Perle im Profil (Foto: Biggi Schroeder)

Kobaltblaue Perle (zeitlich nicht genauer bestimmbar)

Die kobaltblaue Perle ist aus transluzentem Glas, welches an der Oberfläche eine silbrig-glänzende Patina aufweist. Sie hat einen Durchmesser von 0,5 cm und eine Höhe von 0,5 cm.

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Hier sieht man auch gut die silbrige Patina (Foto: Biggi Schroeder)
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Die Bruchstelle der Perle (Foto: Biggi Schroeder)

Kobaltblaue Perle (zeitlich nicht genauer bestimmbar)

Die kobaltblaue Perle ist aus transluzentem Glas, welches nur eine geringe Patina erkennen läßt. Sie hat einen Durchmesser von 0,5 cm und eine Höhe von 0,5 cm.

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Draufsicht (Foto: Biggi Schroeder)
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Die Bruchstelle der Glasperle (Foto: Biggi Schroeder)

Herstellungstechnik der Glasperlen

Vielleicht ist es für den einen oder anderen noch interessant, wie die Glasperlen denn hergestellt wurden. Auf der Webseite der Archäologie Krefeld wird die Methode sehr anschaulich erklärt: Die Technik der Glasperlenherstellung

Glasperlendrehen als Experiment

Übrigens haben wir vor einigen Jahren bei terraplana mal als Experiment Perlen selbst gedreht. Zugegebenermaßen hatten wir keinen Glas-Schmelzofen, daher musste ein Campingkocher für den Schmelzvorgang herhalten 😉 Dennoch: Das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen.

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Glasperlen aus eigener Herstellung – immerhin kam Material für eine komplette Kette zusammen. (Foto: Biggi Schroeder)

Literaturhinweise

Die folgenden Publikationen (oder Teile davon) kann man als PDF im Internet abrufen:

Magdalena Tempelmann-Maczynska, 1985: Die Perlen der römischen Kaiserzeit und der frühen Phase der Völkerwanderungszeit im mitteleuropäischen Barbaricum, Verlag Philipp von Zabern, Mainz

Maren Siegmann, Dissertation Göttingen 1998/99: Bunte Pracht – die Perlen der frühmittelalterlichen Gräberfelder von Liebenau, Kreis Nienburg, Weser, und Dörverden, Kreis Verden, Aller: Chronologie der Gräber, Entwicklung und Trageweise des Perlenschmucks, Technik der Perlen
Link zum Download des PDF auf der Webseite der DGUF

Martin Heck, Dissertation 2000: Chemisch-analytische Untersuchungen an frühmittelalterlichen Glasperlen.